Markus Heid, die kleine Reblaus und ich

Es muss in den frühen 80er gewesen sein und im TV lief gerade die Pyramide mit Dieter Thomas Heck.

Es war ein Donnerstag, ich erinnere mich noch genau, ich saß mit meiner Mutter vor dem Fernseher, mit damals noch drei Programmen, und es gab für sie eben die kleine Reblaus in weiß und für mich Kaba Suchard Express und ein Teewurstbrot. Ich durfte dann das erste Mal in meinem Leben nippen, eben an jener kleinen Reblaus, aus der kleinen Flasche. Eigentlich nichts besonderes für mich, der ich ja sonst nur auf Suchard stand, aber irgendwas hat mich dann doch dazu gebracht, mich eben später an diese Begebenheit zu erinnern, als ich mein Schulpraktikum im Parkhotel machen „durfte“, und das erste Mal einen Riesling von Robert Weil zu Trinken bekam. Natürlich schütteln jetzt einige Leser den Kopf, denn der Vergleich hinkt, aber er hinkt eben nur bedingt.

An all das muss ich denken, als ich mich um 4.52 Uhr an einem herrlichen Sommermorgen in mein bayrisches Automobil schwinge und zu meiner Verabredung im Weinberg fahre, eben ins Remstal zu Markus Heid, seines Zeichens VDP Winzer, ansässig in der historischen Fellbacher Stadtmitte.

Gibt es Persönlichkeit im Weinbau und bei Winzern und nicht nur Henkelglas und konventionelles? Nun wenn, dann ist das sicherlich bei Markus Heid der Fall. Der biologische Weinanbau und seine Auswirkungen wurden hier schon propagiert und umgesetzt, als andere in den umliegenden Weinbergen noch streng nach Regel und Schema F gearbeitet haben. Als ich in den kleinen Innenhof mit Fachwerksarchitektur einbiege sehe ich ihn schon geschäftig. Ich merke schnell, der Mann lebt und ist, was er tut, als ich zu ihm um 6.00 Uhr in seinen alten R 4 steige und wir gemeinsam in seinen Weinberg fahren.

Ja, der frühe Winzervogel fängt den Wurm.

Wir reden über Vergangenes und seine väterliche Prägung und wie hart und einfach das Leben wohl damals war. Er ist mir sofort sympathisch und seine Überzeugungen obendrein. Fast kommt ein wenig Pathos auf, aber er ist eben glaubhaft. Und ehrlich gesagt, was ist heute schon noch glaubhaft und wird nicht durch entsprechendes Marketing Gedöns gepimpt und aufgebauscht bis zum geht nicht mehr. Sein Vater sei ein großer „Schaffer“ gewesen, eine schwäbische Ehrerbietung, die heutzutage nicht mehr allerorten anzutreffen ist. Wir sprechen über seine Verbindung zum Wein und daraus etwas zu kreieren. Einen Stempel zu hinterlassen von Beginn an. Eine Kante zu Haben.

Und ich sitze in seinem weißen alten R 4, die Luft im Innenraum ist erfüllt vom Duft eines beginnenden Sommers und auch ein bisschen von harter Arbeit. Wir zuckeln also durchs Remstal dem Weinberg entgegen und erklimmen Höhenmeter um Höhenmeter. Angekommen spüre ich schon die beginnende Wärme des bevorstehenden Tages. Nach einer kurzen Begrüßung seiner aparten Mitarbeiterin und rechten Hand Caroline Hermanns und eines weiteren Mitarbeiters, der auch zugegen ist, reicht mir Markus Heid eine Schildmütze. Wie ich später noch feststellen werde, ein Accessoire, das ich dankbar entgegennehme. Zusammen gehen wir, ich aber im Schlepptau mit Markus Heid, durch die einzelnen Weinreben. Ich stehe also an einen warmen Sommermorgen in seinem Weinberg und komme mir vor wie in einem Bühnenstück von James Joyce, also surreal. Ich bemerkte sofort die kundigen Hände das Meisters und wie sie behände über die einzelnen Auswüchse der Reben fast streicheln.  Es gilt nun die einzelnen jungen Reben mit entsprechenden Klammern zu führen und zu unterstützen. Heid erklärt mir währenddessen was für ihn einen wahren Biowein ausmacht. Ich behaupte zwar von mir einen grünen Daumen zu haben, aber die filigranen Adern der noch jungen Auswüchse erscheinen mir doch seltsam fragil, was natürlich dazu führt, dass ich spätestens die zweite Rebenspitze die ich mit einer Klammer festmachen und unterstützen will, abbricht. Besser ich lausche weiter den Ausführungen von Heid, mit meinen Händen bin ich von Anbeginn der Zeit sowieso nicht so geschickt.

Wir sprechen über Klimaveränderungen und seine Auswirkungen auch und gerade für seine Weine. Über verändertes Käuferverhalten und welche Veränderungen und Anforderungen sich ein VPD Winzer heutzutage gegenübersieht. Seit 2013 ist Heid VDP klassifiziert und er ist zu Recht stolz darauf. Er möchte dem Weinberg etwas zurückgeben und ihn nicht nur bestellen seiner selbst willen. Mitte der 90er Jahre hat er den elterlichen Betrieb vollständig übernommen, was einem damaligen Kulturwandel glich. Ob er einen fertigen Wein schon beim Anbau im Kopf habe, frage ich ihn und er muss unweigerlich lächeln. Er gibt mir zu verstehen, dass Weinanbau und die Kreierung eines Weines mehr als profundes Wissen beinhalten muss, wenn man eben keine „Mainstream“ Weine produzieren will. Und genau das, so Heid, will er eben nicht.

Er will die Ecken und die Kanten.

Diese Ecken und Kanten haben für mich all seine Weine, angefangen bei seinem einfachen aber eben nicht „einfach produzierten“ Riesling trocken, bis hin zu seinem wirklich außergewöhnlichen Sauvignon Blanc Melchisedec! Ein wahrliches Fest für die Sinne, gänzlich gastro-sexuell. Dazu einen Loup de mer mit ein wenig Kräutern und das Glück ist perfekt. Auch sein Syrah Melchisedec treibt mir jedes Mal die Freude ins Gesicht und dieser Umstand ist bei deutschen Rotweinen zumindest für mich ein Umstand, der äußerst selten vorkommt. Im Rotweinsektor, ich muss es leider gestehen, schätze ich die hochpreisigen Italiener mit klingenden Namen wie Ornellaia und Sassicaia sehr und kann mir fast nichts Besseres vorstellen als abends zu zweit „Sie wissen schon…“

Mein Blick geht unweigerlich über die weiten Flächen voll mit Wein, ein aus der Ferne schimmerndes Grünes etwas und ich mittendrin. Ich ahne etwas von der Befriedigung durch eigene Arbeit, die Heid in einem Nebensatz erwähnt hat. Gelebte Tradition und dies schon seit 1699 in der 10. Generation, wo gibt es so etwas heutzutage noch? Wir arbeiten uns Stiege für Stiege nach oben, mir rinnt etwas der Schweiß, dazu die Sonne, die all ihre Kraft aufbietet. Gott sei Dank hat die rechte Hand von Heid, Caroline Hermanns gekühlte Getränke im Auto parat, das nun ölig meine Kehle herunter rinnt, dazu gibt’s um 9.15 Uhr eine kleine Pause mit einer spendierten Schneckennudel, die ich äußerst dankbar entgegennehme und sofort aufesse. Ein langer Tag, merke ich, bahnt sich an und Heid spricht davon, dass es wohl ein gutes Jahr wird. Wir sprechen nochmals über die klimatischen Veränderungen und was genau dieser Umstand mit Wein und der Traube an sich ausmacht. Über heiße Sommer mit tropischen Temperaturen und Wein mit einer Öchsle Zahl, die früher so nicht zu erzielen wäre. Er spüre eine Verantwortung gegenüber der Natur, „gegenüber uns und unseren Kindern“ ein Satz wie aus dem Lehrbuch, aber nur wird er hier konsequent gelebt, dies ist bei Heid absolut glaubhaft.

Er sei klein, aber eben fein und wolle dies auch so beibehalten.

Heid sieht es auch als seine persönliche Verpflichtung an, selbst zu schneiden, zu binden und seine Weine auszubauen. Er will eben nicht fremdbestimmt sein und auch dies glaubt man ihm sofort. Ich denke gleich an seinen gekühlten Sauvignon Blanc und eine entsprechende Languste in Bretonischer Butter dazu. Seit dem Jahrgang 2015 trägt sein Sauvignon den Zusatz „Melchisedec“. Eine Reminiszenz an Melchisedec Heid, der eben 1699 von Heilbronn nach Fellbach gezogen ist. Reihe um Reihe schreiten wir die Reben ab und zwischenzeitlich stelle ich mich etwas besser an, ich behandele die einzelnen Reben wie ich sonst nur meine Madame auf der Burg behandele, umsichtig und mit einer gewissen filigranen Umgangsweise, der zum Erfolg führt.

Gegen 14:00 Uhr ist unsere Arbeit beendet zumindest für heute, aber dieser Umstand ist allein der Tatsache geschuldet, dass die immer mehr ansteigende Hitze ein Arbeiten fast unerträglich macht. Gegen Mittag ist mein Gesicht gerötet von Sonne und Schweiß, und ich zuckele mit dem hauseigenen Land Rover als Passagier im Fond zurück in die hauseigene Heidsche Wirkungsstätte. Ob ich noch zum Essen bleiben wolle, frägt mich Heid, und ich komme mir schon völlig integriert und familiär aufgenommen vor, was darin mündet, dass ich zur kommenden Weinlese fest zusage. Zum Abschluss bekomme ich noch als unerwartetes Dankeschön eine Flasche Riesling in die Hand gedrückt und freue mich darüber sehr. Wobei ich mich eigentlich noch viel mehr darüber freue, dass ich einen Mann kennen lernen durfte, der in diesen widrigen Zeiten sich gegen eine Gleichmachung und den Mainstream stellt. Der es wagt anders zu sein und dies mit seiner Arbeit und seinen Weinen auch konsequent lebt.

Es gibt sie noch die Guten Dinge, die Kleine Reblaus und Markus Heid.

 

 

Weingut Heid
Cannstatter Str. 13/2
70734 Fellbach
Tel.: 0711 584112
info@weingut-heid.de
www.weingut-heid.de

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