S’läba isch koi Schlotzer!

Weißwein…erinnert sich noch jemand an die Edelzwicker? ein entsprechender Cuvée aus mehreren Rebsorten aus dem Elsass?

Nun…mein erster Kontakt mit Weißwein war geprägt von eben dieser Sorte bevor ich zum bundesdeutschen Riesling gelangt bin.

Aber nun wohne ich eben im Schwäbischen, obwohl mein Herz immer noch mit dem Rheinland verbunden scheint, sozusagen wurde ich assimiliert. Hier ist das Vierteleschlotzen“ weit verbreitet, vorzugsweise im grünlich schimmernden Henkelglas, selbst einschlägige „Rentnerviertele“ gibt es hier in weithin bekannten Besenwirtschaften, einer seltenen, aber hier ortsüblichen gastronomischen Fakultät. Dazu noch der weit verbreitete Trollinger – eine Rebsorte, die qualitativ sich eher im unteren Segment befindet, aber auch dies ist eher Ansichts- und natürlich auch Geschmackssache. Sie merken, ich bin befangen, aber ich stehe dazu. Meine italienischen Wurzeln brechen halt immer wieder durch, sehen Sie es mir nach.
Nun gibt es aber auch Ausnahmen und zwar namhafte und dies sozusagen fast direkt vor der Haustüre.

Ich mache mich also an einem frühlingshaften Spätvormittag nach einem entsprechenden italienischen Café, den ich mir in meiner Carina zubereitet habe, auf zum Weingut von Rainer Schnaitmann ins Remstal nach Fellbach.
Hier wird „gschafft“ net „geschwätzt“ – das merkt man sofort. Die Porsche- und Mercedes-Dichte ist hier sehr groß. Ich biege ein auf das Schnaitmannsche Weingeschäft, eine entsprechende Fahne weist mir den Weg. Der „eichelmann“ bezeichnet in seinem 2019 erschienenen Führer Rainer Schnaitmann als „Weltklasse Weingut“.

Beim Betreten des Raumes begrüßt mich freudestrahlend Christine Conrad ihres Zeichens die profunde Seele des Hauses. So sehen wahrscheinlich nur Menschen aus, die das Leben, was sie tun und es dazu noch können – ein Umstand der in diesen widrigen Zeiten fast surreal erscheint. Im kleinen Schauraum, der als Vorraum dient und einen Übergang in den Weinkeller inne hat, stapeln sich an den Wänden diverse Auszeichnungen und Prämierungen der bekannten Fachmagazine. An der Seitenwand gewährt eine Glasfront einen Blick in den mit Kerzen illuminierten Weinkeller. Man merkt, die Inszenierung ist hier nicht nur Mittel zum Zweck, sondern sie begründet sich allein im Tun. Es soll VDP Weingüter geben bei denen ist dies anders. Christine (wir kennen uns gut und nach der zweiten Flasche vor etwas längerer Zeit durfte ich Du sagen) macht uns zur Begrüßung erst mal einen hauseigenen Sekt auf. Dazu muss man sagen, ich bin eigentlich kein Sekttrinker, sondern vom Champagner völlig verdorben. Noch heute erzählt man sich von ausschweifenden Champagner-Gelagen am späten Nachmittag mitten in der Woche mit einer französischen Edelmarke und es war kein profaner Moet.

Ein Sujet, eigentlich undenkbar in Süddeutschland. Herr d.S wird sich sicherlich noch sehr daran erinnern.

„Das ist unsere eigene Kreation” betont Christine. „Ein Blanc De Noirs und im Champagnerverfahren gemacht” prostet sie mir zu. Nahezu ein Alleinstellungsmerkmal. Es ist schon außergewöhnlich, was sich mutige und fast schon rebellisch angehauchte Winzer wie Schnaitmann mittlerweile trauen. Zu alten Winzergenossenschaftszeiten wäre so etwas fast undenkbar gewesen, doch dazu später mehr.

In meinem Rücken öffnet sich die Tür und heraus tritt Rainer Schnaitmann. Der Händedruck offensiv und verbindlich, der Fleecezipper zeugt von Arbeit. Auf Schnaitmanns Frage „und wie ist er?“ antworte ich ohne Umschweife „so noch nicht getrunken und er ist hervorragend“. Er muss lächeln und bittet mich durch die Tür. Wir gehen zusammen durch die Produktion, in der die Weinflaschen abgefüllt und etikettiert werden und in den darunter liegenden Weinkeller. Von der Ferne nehme ich klassische Musik wahr, ich glaube mich zu verhören. Vor einer großen Karte bleiben wir stehen und er zeigt mir anhand der Liegenschaften auf, wie sich sein Weingut von damals seit Übernahme vom Vater zum Sohn bis heute entwickelt hat.

Er erzählt gewinnend von seiner Vorstellung des Weinmachens und die teilweise noch immer verstockte Weinszene, der Idee anfangs Architektur zu studieren und seine dahingehende Begeisterung fürs Gestalterische. Man merkt auch hier sehr schnell, der Mann lebt was er tut und er tut es gern. Er erzählt von über 500-jähriger Weinbautradition im eigenen Betrieb und wie es ihn angesteckt habe Wein nicht nur zu produzieren, sondern nach seinen eigenen Vorstellungen zu kreieren.

Mit leuchtenden Augen erzählt er von seinen vielen Reisen in Weinregionen der ganzen Welt, von Neuseeland und Südtirol auf denen er gearbeitet hat. Viel wissen muss er sich dort angeeignet haben, ein Know how das ihm bis heute nützt, ein Know how das ihn geprägt hat. Und dann ging es los. Zurückgekehrt von seinen vielen Reisen, wollte er zu Hause etwas Neues wagen, im eigenen Betrieb neue Wege gehen, sein Vater ließ ihm freie Hand.

Er stellte nach und nach seinen Weinbaubetrieb ökologisch um, in den neunziger Jahren war die aufkommende grüne Bewegung noch in den Kinderschuhen und Rainer Schnaitmann ein Vorreiter in der Weinbauwirtschaft. Von nachhaltiger Ressourcenschonung und Schonung der Umwelt wollte eigentlich keiner außerhalb Joschka Fischer (erinnert sich eigentlich noch jemand, dass er mal Polizisten verhauen hat) etwas wissen. Seit 2016 ist sein Weingut offiziell biozertifiziert. Er erkannte recht bald seine Stärke, die er beim Burgunder, beim Pinot und auch beim Pino Noir sieht.

Zeit sei ein wesentlicher Faktor im Weinbau, er wolle keine Masse produzieren, sondern Qualität und dazu gehört eben, das man Zeit gibt und eben nicht unbedingt aufs schnelle Geld schaut. Für den roten Pinot Meunier ist er wirklich über alle Grenzen bekannt. In mir keimt der Verdacht auf, dass ich es hier wirklich mit einem Künstler zu tun habe, ein Künstler im Wein. Wer denkt da noch an irgendwelche Maler, für die horrende Preise gezahlt werden, für irgendwelche Schmierereien außer vielleicht Gerhard Richter, aber das ist eine andere Frage.

Ich habe mittlerweile verstanden, oder glaube zu verstehen, worum es Herrn Schnaitmann geht. Es geht ihm vornehmlich darum, sich weiterzuentwickeln und dem angebauten Wein nicht nur seinen Stempel aufzudrücken, sondern etwas zu schaffen worin Wertigkeit und Nachhaltigkeit liegt. Es geht ihm nicht um den schnellen Gewinn, den Profit, der sicherlich mit geringerem Aufwand, als er es tut, zu erwirtschaften wäre. Das Mann sich damit nicht überall Freunde macht, dürfte klar sein. Noch dazu in einer Genossenschaft, in der man vieles Neue zuerst einmal kritisch beäugt. Aber er ist auf der richtigen Spur, denn oftmals sind neue Ideen eben nicht mehrheitsfähig oder wie Adolf Hofstätter einmal richtig bemerkte: „Gehst du nicht mit der Zeit, dann gehst du mit der Zeit“. Einen Umstand den Herrn Schnaitmann wohl auszeichnet.

Wir gehen hinunter die kleinen Treppe in den Weinkeller, in der in eine Rotunde diverse Fässer drapiert sind von Kerzen auf jedem Weinfass illuminiert und jetzt weiß ich auch endlich, woher die Musik kommt, noch dazu in C-Moll. Schnaitmann erklärt mir, dass er dies bewusst tue, um dem Wein ein gewisses Sujet zu geben. Er ist überzeugt davon, dass die Schwingungen der Musik sich auf den Wein übertragen. Dass das das I-Tüpfelchen ist, sozusagen der letzte Schliff. Ich weiß nicht, ob ich staunen oder was ich gerade wirklich denken soll, aber ich komme recht schnell zu dem Schluss, dass der Denkansatz durchaus richtig und sinnvoll erscheint. Wissenschaftlich ist mittlerweile belegt, dass auch Pflanzen auf Musik und selbst Kühe auf entsprechende Mozart Sonaten günstig und bestens reagieren, warum sollte dies also nicht auch beim Wein sein. Wir gehen weiter durch die Weitläufigkeit und Schnaitmann bleibt bei einem Fass stehen. Wir sprechen über seinen Vater und sprechen über die unbedingte Unterstützung, die er seitens seines Vaters erhalten habe. Mir fällt der alte Satz ein „man soll mit warmen Händen geben.”

Demnächst werde es eine Kooperation mit dem Sommelier von Tim Raue geben, worauf ich persönlich sehr gespannt bin, denn gerade dieser Sommelier gilt als Meister seines Faches und gewann selbstverständlich die Trophäe Sommelier des Jahres 2013. Mit Tränen in den Augen erinnere ich mich noch an den Besuch vor zwei Jahren bei Raue mit Madame und seine uns kredenzten Weine, deren Auswahl ich heute noch nicht nur bestens in Erinnerung habe, sondern die mich fast ins Gastrosexuelle erhebte. Also auch hier ergänzt sich wohl eine optimale Partnerschaft zwischen Winzer und Sommelier.

Ich atme den Duft des Kellers ein, eines richtigen Gewölbekellers. Eine so scheint es perfekte Symbiose zwischen Holz und Mauerwerk. Optimaler Reifegrad scheint hier garantiert. Ich bin ziemlich beeindruckt, was sich mir hier augenscheinlich präsentiert und es ist dazu noch glaubwürdig. Es wird mir nicht etwas vorgegaukelt, man merkt sofort, das sind hier keine Fake News. Wir gehen die Stiegen hinauf in den kleinen Vorraum zum Abschlussglas. Schnaitmann kredenzt eine kleine Auswahl seiner top Produkte, darunter ein Glas aus dem grossen Gewächs „Lämmer Riesling GG 2016“ & “Reserve Riesling 2015“. Ich bin gelinde gesagt etwas geflasht, so etwas habe ich wirklich nicht erwartet. Meine Zunge vollführt innerlich am Gaumen Bocksprünge, auch wenn sich dies fast ein bisschen spinnend anhört. Nein es ist wirklich so.

Und ich verstehe ihn dahingehend noch etwas mehr, seine Art, Wein nicht nur zu produzieren, sondern ihm seinen Stempel aufzudrücken. Ich sehe schon den Loup de mer in Bretonischer Butter vor mir und diesen Riesling dazu. Dazu ein heißer Sommertag und das Leben scheint perfekt.

Danke dafür Rainer Schnaitmann!

Und doch : S‘läba ka a schlotzer sai!

 

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